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Konsequenzen von EQR / DQR für die nicht-universitäre Weiterbildung in Deutschland

Bericht vom DGfB-Mitgliedertreffen am 20. Mai 2017 in Darmstadt

Am 20. Mai fand in Darmstadt ein Mitgliedertreffen der DGfB statt, an dem Peter Recht die DGfC vertrat. Fast alle Mitgliedsverbände der DGfB waren vertreten. Ergänzt wurde die Veranstaltung durch Beiträge von Bildungsforschern.

Zentrales Thema der ganztägigen Tagung war die Umsetzung des Europäischen / Deutschen Qualitätsrahmens für lebenslanges Lernen (EQR / DQR, www.dqr.de) im Rahmen von Weiterbildungen und Zertifikaten der angeschlossenen Verbände. Das international und national eingeführte Ordnungssystem für Bildungsabschlüsse gliedert beruflichen Qualifikationen in acht Qualifikationsniveaus. Dabei werden unterschiedliche Quellen für Qualifikation (Schule, Hochschule, berufliche Bildung, freie Weiterbildungen – wie die unserer Weiterbildner) vergleichbar.Die Verbände – also auch wir – hatten im Vorfeld die eigenen Positionen zum Thema und deren Umsetzung formuliert und eingebracht. Die kürzlich revidierte Fassung der Zertifizierungsordnung der DGfC berücksichtigt die Vorgaben von EQR / DQR bereits im Hinblick auf die Abstufung der Qualifikationen. Allerdings sind auch bei uns die Fragen der Überprüfbarkeit im Rahmen bzw. zum Abschluss der Weiterbildungen wie bei allen anderen noch vollständig offen.

Herr Prof. Dr. Weinhard, Vorstandsmitglied der DGfB und Bildungsforscher an der FH Darmstadt, fasste in seinem Vortrag den Stand der Entwicklungen zur Bewertung von Bildungsabschlüssen zusammen:
Bisher wurde im deutschen Bildungswesen überwiegend Wissen überprüft und zertifiziert. In anderen Bildungsbereichen erfolgte die Bewertung verfahrensorientiert. Es wurden absolvierte Unterrichtsstunden überprüft. Der neue Ansatz EQR / DQR ist dagegen Output-orientiert: es soll können, also Potential zertifiziert.

Der neue Ansatz wird weltweit von der OECD transportiert. Die Einschätzung ist, dass diese Entwicklung unumkehrbar sein wird und die Frage daher nicht ist ob, sondern wie wir sie umsetzen. Der EQR-Ansatz steht im Kontext der Entwicklungen von PISA (Schulen) und Bologna (Hochschulen), jetzt EQR (berufliche Bildung).

Neu ist hierbei vor allem, dass auch non- und informal erworbene Kompetenzen (aus beruflicher Weiterbildung wie Coach-Weiterbildung, aber auch aus persönlicher Berufs- und Lebenserfahrung) berücksichtigt werden sollen. Nach der europäischen Lissabon-Vereinbarung darf 50\\\\\\% des Bildungsanteils aus non-formalen Bildungsaktivitäten stammen, wenn diese kompetenzorientiert nachgewiesen werden. Damit werden letztlich Abschlüsse, wie sie von der DGfC zertifiziert werden, im Wert am Arbeitsmarkt steigen.

Das soll und wird auch zu einer stärkeren Durchlässigkeit am Aus- und Weiterbildungsmarkt und damit auch zu mehr Kooperation zwischen den verschiedenen Bildungsträgern führen. Hier liegen gerade für die Weiterbildungsträger in unserem Verband große Entwicklungschancen.
Die resultierende Aufgabe für die Verbände der DGfB und die Bildungsforschung ist, geeignete Assessments zu entwickeln, die feststellen, wie die Fachkräfte (z. B. Coaches) wirken, und nicht, wie bisher z. B. in der Therapieforschung geschehen, wie bestimmte (Beratungs-)Verfahren wirken.
Für diese Aufgabe ist zunächst ein operationalisierbares Kompetenzverständnis notwendig, welches derzeit aber noch nicht hinreichend entwickelt ist.

In einem zweiten Vortrag stellte Frau Prof. Dr. Schiersmann, Bildungsforscherin der Uni Heidelberg, die wiederholt auch Studien zum Coaching vorgelegt hat, Ansätze zur Definition von Kompetenz vor.
Das Kompetenzverständnis im EQR / DQR-Ansatz ist Performanz orientiert. (Wie setze ich das Gelernte in Handeln um?) Bisher wurde die Diskussion eher kognitiv orientiert geführt. (Was muss ich vom Gelernten wissen?) Letzteres ist leicht zu prüfen. Der neue Ansatz erfordert dagegen die Identifikation von Handlungspotentialen, die in konkreten Situationen vom Coach aktiviert werden können.

Bisher sind drei Ansätze dazu von Bedeutung:

a) BEQU-Konzept des nfb Nationalen Forums Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung (www.forum-beratung.de)
Grundlage ist ein systemisches Beratungsverständnis, vor dessen Hintergrund Kompetenzindikatoren und Verhaltensanker identifiziert wurden. Das an sich interessante und gut evaluierte Konzept hat leider keinen Bezug zum EQR / DQR.

b) Erasmus-Netzwerk NICE (Europäische Entwicklungskooperation von Standards für Bildungs- und Berufsberatung unter Beteiligung von 42 Hochschulen, vgl. Schiersmann C., Maier-Gutheil, C. & Weber, P. (2016). Beratungsforschung im Kontext von Bildung, Beruf und Beschäftigung. In: Tippelt, R., Schmidt-Hertha, B. (Hrsg.) (2016). Handbuch der Bildungsforschung. Wiesbaden: VS)
Ausgangspunkt des Performanz-orientierten Konzeptes sind Berufsrollen. In einer Matrix wurden Beratungstypen und Beraterrollen in einer Matrix strukturiert. Es gibt einen Bezug zu den Niveaus des DQR.

c) ECVision (Europäisches Kompetenzprofil für Supervision und Coaching der ANSE – Europäischer Dachverband für Supervision,
http://www.dgsv.de/wp-content/uploads/2015/05/ecvision_kompetenzprofil.pdf)
Es wurde ein Glossar für Supervision / Coaching und ein entsprechendes Kompetenzprofil entwickelt. Das Modell wird als wenig Beraterspezifisch bewertet. Die Operationalisierungsmöglichkeit erscheint schwach. Problem war wohl, dass das Modell von Feldfremden Wissenschaftlern ausgearbeitet wurde.

Fazit:

Die Erfassung personenbezogener Kompetenz ist methodisch anspruchsvoll. Die bisherige Forschung hat gezeigt, dass Fremdbeobachtung durch Introspektion ergänzt werden muss, um zu sinnvollen Bewertungen zu kommen.
Bisher erprobte Operationalisierungen sind u. a. Selbst-/Fremdeinschätzungsbögen, Identifikation und Analyse von Text- und Videovignetten, Sitzungsbögen, Fremdbeobachtung simulierter / realer Beratung.
Ziel der anstehenden Entwicklungsarbeit ist vor dem Hintergrund des DQR, Anforderungsprofile bzw. -bündel zu identifizieren, die sich auf die konkrete Tätigkeit (hier: Coaching) und die entsprechenden DQR-Niveaus beziehen. Die generelle Entwicklung geht damit weg von (Beratungs-)Schulen und in zu Wirkfaktoren.

Bei der anstehenden Entwicklungsarbeit sollte unbedingt vermieden werden, dass sich die problematischen Erfahrungen bei der Umsetzung von PISA und vor allem Bologna an den Hochschulen wiederholen. Dort werden die Zertifizierungen heute von Hochschulfernen Zertifizierungsagenturen (z. B. TÜV) durchgeführt, was zu stark bürokratischen Vorgehensweisen führt. Daher sollten entsprechende Evaluationsverfahren unter aktiver Beteiligung der Praktiker, also der Berufsverbände, entwickelt werden: eine Aufgabe für die DGfB und ihrer Mitgliedsverbände.
In der anschließenden Diskussion entwickelte Prof. Dr. Weinhard in Abstimmung mit dem DGfB-Vorstand den Vorschlag, im Verband ein eigenes Forschungs- und Entwicklungsprojekt aufzulegen. Inhalte sollten sein:

1. Evaluation aller bekannten Kompetenzmodelle und der zugehörigen Erfassungsverfahren.
2. Erstellung einer kriteriengeleiteten Synopse dazu.
3. Synthese der Erkenntnisse zu einem DGfB-Kompetenzmodell.

Die Aufgabe sollten von Wissenschaftlern übernommen werden, die ihre Arbeit im Zick-Zack-Verfahren mit den DGfB-Verbänden abstimmen. Die Dauer kann mit 24 Monaten angesetzt werden. Die Kosten eines derartigen Projektes wurden mit 110.000,- € für Personal- und Sachkosten kalkuliert. Die Finanzierung sollte über die Verbände erfolgen (bei 21 Mitgliedern ca. 5.000,- € pro Verband).

Die anschließende Diskussion im Plenum zu diesem Vorschlag verlief dann sehr kontrovers. Zum einen wurde die Forderung von Prof. Weinhard, unbedingt externe Wissenschaftler zu beschäftigen, in Frage gestellt. Auch erschien die Zeitperspektive als zu langfristig, da davon ausgegangen werden muss, dass externe Zertifizierungsanbieter hier schnell ein eigenes Geschäftsmodell entwickeln und sich dem zuständigen Bundesministerium anbieten (wie bei Bologna geschehen). Die anwesenden Vertreterinnen des nfb (Nationalen Forums Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung) meinten, sie sähen Möglichkeiten, das Vorhaben in Kooperation mit ihnen zu einem Bruchteil der Kosten und in einem Bruchteil der Zeit erreichen zu können.

Geplant war eigentlich, ein Votum der Versammlung zur Abstimmung in der Mitgliederversammlung im Herbst vorzulegen. Das Votum kam auf Grund der kontroversen Diskussion nicht zustande.

Die Aufgabe an sich, ein für die Beratung geeignetes, kompetenzorientiertes Zertifizierungsverfahren zu entwickeln, bleibt bestehen.

09.06.2017
Peter Recht
p.recht@coaching-dgfc.de